TRAININGSDATEN ERZÄHLEN NICHT DEINE GANZE GESCHICHTE
Was lange Ausdauereinheiten uns über emotionale Ausdauer, Gedanken und den Umgang mit Unbehagen beibringen können.
BY WILMSEN PERFORMANCE
Es gibt Ausdauereinheiten, die fühlen sich leicht an. Die Beine laufen fast wie von selbst, die Atmung ist ruhig, die Gedanken sind klar. Kilometer kommen und gehen, ohne dass du besonders darüber nachdenkst. Und dann gibt es diese anderen Einheiten. Plötzlich wirkt alles schwer. Die Beine sind müde. Der Kopf beginnt zu verhandeln. Warum mache ich das eigentlich? Muss ich wirklich noch weiter? Was, wenn ich das Tempo nicht halten kann? Vielleicht sollte ich einfach aufhören.
Gerade diese Einheiten können unglaublich wertvoll sein. Denn eine lange Trainingseinheit trainiert nicht nur dein Herz-Kreislauf-System, deine Muskulatur oder deine Fähigkeit, Energie effizient einzusetzen. Es trainiert etwas, das im Alltag mindestens genauso wichtig sein kann:
Die Fähigkeit, mit deinem inneren Erleben umzugehen.
Wenn du laufen gehst, schaffst du einen besonderen Raum: Du bist mit dir, deinen Gedanken, deinem Körper und deinen Emotionen konfrontiert. Du lernst, dass du nicht auf jedes Gefühl sofort reagieren musst.
Wenn wir über Ausdauer sprechen, denken wir häufig an Härte, noch schneller, noch weiter, noch mehr Disziplin. Aber echte Ausdauer ist oft etwas ganz anderes.
Ausdauer bedeutet nicht unbedingt, härter zu pushen. Sie bedeutet auch, länger präsent bleiben zu können.
Das ist ein großer Unterschied. Eine lange Trainingseinheit besteht selten aus mehreren Stunden ununterbrochener Motivation. Niemand fühlt sich über die gesamte Distanz stark. Es gibt gute Phasen und schwierige. Momente voller Energie und Momente voller Zweifel. Die Fähigkeit, weiterzumachen, entsteht deshalb nicht daraus, dass du dich permanent stark fühlst. Sie entsteht daraus, dass du lernst, auch dann bei dir zu bleiben, wenn du dich gerade nicht stark fühlst. Das ist mentale Ausdauer. Und genau hier wird Ausdauersport psychologisch interessant.
Unbehagen bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch läuft.
Unser Gehirn möchte Sicherheit. Wenn etwas unangenehm wird, sucht unser System nach einer Erklärung und möglichst schnell nach einer Lösung bzw. einem Ausweg. Beim Laufen kann sich das beispielsweise so anhören: Meine Beine sind schwer. Ich bin müde. Meine Atmung fühlt sich gerade unangenehm an. Ich habe keine Lust mehr. Das wird heute nichts.
Interessant ist dabei die Unterscheidung zwischen Schmerz bzw. Warnsignalen und normalem Belastungsempfinden. Natürlich gibt es körperliche Signale, die ernst genommen werden müssen. Scharfer, ungewöhnlicher oder zunehmender Schmerz ist kein Mentalitätsproblem, das du einfach „wegdenken“ solltest. Aber nicht jedes Unbehagen ist ein Warnsignal. Manchmal bedeutet Unbehagen schlicht: Hier findet gerade Anpassung statt. Der Körper und die Muskulatur arbeiten. Und vor allem, auch dein Kopf arbeitet.
Eine lange Einheit lehrt dich deshalb, genauer hinzuhören und achtsam zu sein. Achtsamkeit bedeutet seine Aufmerksamkeit zu fokussieren. Du solltest jedes Gefühl, jeden Gedanken, jede Emotion und alles, was sonst noch auf kommt erstmal bewusst wahrnehmen und reflektieren, bevor du es bewertest und voreilig handelst. Was für Gründe hat es gerade, dass es sich so anfühlt, wie es sich anfühlt? Muss ich aufhören, weil ich vielleicht verletzt oder krank bin? Oder ist das gerade ein positiver Anpassungsprozess? Diese kleine Veränderung in der Perspektive kann enorm viel verändern.
Du lernst, Gefühle auszuhalten, ohne sofort handeln zu müssen.
Vielleicht ist das eine der wertvollsten Lektionen langer Einheiten. Gefühle steigen auf. Sie erreichen einen Höhepunkt. Und sie verändern sich wieder. Das gilt für körperliche Empfindungen genauso wie für Gedanken und Emotionen. Du kannst bei Kilometer 18 überzeugt sein, dass du unmöglich noch zehn Kilometer laufen kannst. Und fünf Minuten später fühlst du dich plötzlich wieder besser. Du kannst während eines Intervalls denken, dass du das Tempo niemals halten wirst – und kurz darauf feststellen, dass dein Körper es doch kann. Und ein schwieriger Moment ist noch keine Prognose darüber, wie die nächsten Kilometer werden. Du kannst frustriert sein, weil ein Training nicht nach Plan läuft, und später erkennen, dass genau dieser schwierige Tag dir etwas Wichtiges beigebracht hat.
Die Fähigkeit, zwischen Wahrnehmen und Handeln einen kleinen Raum entstehen zu lassen, ist ein wichtiger Bestandteil mentaler Stärke.
Lange Trainingseinheiten lehren dich auch, zu bleiben, ohne in Panik zu geraten.
Es gibt einen Punkt in langen Einheiten, an dem der Kopf unruhig wird. Vielleicht bist du müde. Vielleicht verändert sich das Wetter. Vielleicht ist dein Tempo langsamer als geplant. Vielleicht hast du einfach genug. Und plötzlich beginnt dein Kopf, Szenarien zu produzieren: Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich einbreche? Was, wenn die nächsten zehn Kilometer genauso werden? Das Interessante daran: Häufig ist nicht die aktuelle Situation das größte Problem, sondern unsere Vorstellung davon, was als Nächstes passieren könnte. Der Kopf springt aus dem gegenwärtigen Moment in die Zukunft. Mentale Ausdauer bedeutet deshalb auch, wieder zurückzukommen. Zum nächsten Kilometer. Zum nächsten Atemzug. Zum nächsten Schritt. Nicht die gesamte Distanz muss jetzt gelöst werden. Nur dieser Moment.
Das ist eine Fähigkeit, die weit über den Ausdauersport hinausgeht. Auch im Alltag entstehen Situationen, in denen wir am liebsten sofort eine Lösung hätten. Wir wollen Unsicherheit beenden, unangenehme Gefühle loswerden oder wissen, wie etwas ausgehen wird.
Ausdauersport kann uns lehren, Ruhe zu bewahren. Ich kann gerade nicht wissen, wie die nächsten zwei Stunden werden. Aber ich kann den nächsten Schritt gehen.
Ein weit verbreitetes Missverständnis von Mentalität im Sport ist, dass mentale Stärke bedeutet, immer motiviert zu sein. Aber Motivation, Selbstvertrauen und Energie sind nicht konstant. Und auch unsere Stimmung ist es nicht. Ein Sportler kann Zweifel haben und trotzdem handeln. Er kann nervös sein und trotzdem an der Startlinie stehen. Er kann müde sein und trotzdem konzentriert bleiben. Er kann einen schlechten Tag haben und trotzdem sein Training sinnvoll gestalten.
Mentale Stärke bedeutet nicht, keine negativen Gedanken oder Gefühle zu haben. Mentale Stärke bedeutet, sich von ihnen nicht automatisch steuern zu lassen.
Das ist auch einer der Gründe, warum wir im Coaching nicht nur auf Trainingsdaten schauen.
Pace, Herzfrequenz, Kilometer und Trainingsumfang erzählen eine Geschichte. Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Wir möchten auch verstehen: Wie gehst du mit einem schlechten Training um? Was passiert in deinem Kopf, wenn dein Tempo nicht stimmt? Wie reagierst du auf Müdigkeit? Was denkst du, wenn du hinter deinen eigenen Erwartungen zurückbleibst?
Kannst du einen Fehler als Information betrachten oder wird er sofort zu einem Urteil über dich selbst? Denn genau dort entsteht langfristige Entwicklung. Und auf diesem Weg möchten wir alle unsere Athleten begleiten.
Der innere Dialog entscheidet mit!
Im Ausdauersport ist der Kopf nicht einfach nur Zuschauer und auch als dein Coach sind wir es ebenfalls nicht. Während eines langen Laufs entstehen permanent Gedanken. Die Frage ist: Wie gehen wir mit ihnen um?
Aus „Ich kann das nicht.“, kann „Ich habe gerade den Gedanken, dass ich das nicht kann.“ werden.
Das klingt nach einer kleinen sprachlichen Veränderung. Psychologisch ist es aber ein großer Unterschied. Denn plötzlich bist du nicht mehr der Gedanke. Du beobachtest ihn. Und aus dieser Distanz entsteht Handlungsspielraum.
In dieser Entwicklung gibt dir jede lange Trainingseinheit mehr Selbstvertrauen.
Selbstvertrauen entsteht nicht nur dadurch, dass wir uns sagen, dass wir etwas schaffen. Es entsteht vor allem durch Erfahrungen. Du hast einen lange Einheit absolviert, obwohl du vorher Zweifel hattest. Du bist weitergelaufen, obwohl Kilometer 20 schwierig war. Du hast gelernt, dein Tempo anzupassen, statt alles oder nichts zu denken. Du hast einen schlechten Tag erlebt und festgestellt, dass ein schlechter Tag nicht das Ende deines Fortschritts bedeutet. All diese Erfahrungen werden gespeichert. Und irgendwann entsteht daraus etwas sehr Wertvolles: Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen.
Wichtig ist aber, dass du weißt, dass Ausdauer sich langsam aufgebaut – körperlich und emotional. Niemand läuft heute seinen ersten langen Lauf und erwartet morgen einen Marathon.
Wir verstehen intuitiv, dass körperliche Anpassung Zeit braucht. Der Körper braucht wiederholte Belastungsreize, Erholung und Zeit. Warum sollte es mit mentaler Ausdauer anders sein? Emotionale Ausdauer entsteht ebenfalls langsam. Wiederholt, mit Vertrauen. Du lernst nicht in einer einzigen langen Einheit, geduldig mit dir zu sein.
Du lernst es über viele. Du lernst nicht an einem einzigen schlechten Training, mit Fehlern umzugehen. Du lernst es, indem du immer wieder erfährst, dass ein schlechter Tag nicht deine Identität definiert. Du entwickelst mentale Stärke nicht nur durch einen Motivationsspruch. Du entwickelst sie durch Erfahrungen, Wiederholungen und Reflexion. Und manchmal auch dadurch, dass du lernst, einen Schritt zurückzugehen, wenn dein Körper oder dein Kopf eine Pause brauchen.
Was das für unser Coaching bedeutet
Genau deshalb sehen wir Coaching nicht ausschließlich in dem Erstellen eines Trainingsplans. Ein Trainingsplan kann dir sagen, was du laufen sollst. Ein guter Coach hilft dir dabei zu verstehen, warum, wie und unter welchen Bedingungen du trainierst.
Denn zwei Menschen können denselben Trainingsplan absolvieren und dabei völlig unterschiedliche Erfahrungen machen.
Der eine braucht mehr Sicherheit. Der andere muss lernen, sich selbst weniger unter Druck zu setzen. Der eine läuft ständig zu schnell. Der andere unterschätzt seine Fähigkeiten. Der eine interpretiert Müdigkeit sofort als Scheitern. Der andere ignoriert jedes Warnsignal und versucht, noch härter zu pushen. Deshalb gehört für uns zum Coaching auch die Frage: Wer bist du, wenn das Training schwierig wird?
Wir möchten dich auf deinem Weg zu einem besseren Ausdauersportler begleiten und dich dazu anleiten, während deiner Einheiten, Dinge über dich zu lernen, die mit einer Uhr am Handgelenk nicht messbar sind. Geduld, Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Selbstwahrnehmung, Fokus, Flexibilität.
Die Fähigkeit, unangenehme Momente auszuhalten und die Erkenntnis, dass ein Gefühl nicht ewig bleibt. Die lange Einheit ist nicht nur eine körperlich. Sie kann ein Übungsraum sein. Ein Raum, in dem du lernst, bei dir zu bleiben. Nicht immer stark. Nicht immer motiviert. Nicht immer sicher. Aber präsent.